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Warum Nintendo heute besser dasteht als jemals zuvor

von Gunnar Schreiber | 9. Februar 2025 | 0 Kommentare

Knapp 20 Jahre nachdem Nintendo erkannte, dass sie dringend sich und ihre Strategie ändern müssen, um auf dem Markt zu überleben, ist die Metamorphose abgeschlossen. Aus der Raupe, die in Sachen Flexibilität, Geschwindigkeit und Reichweite arg eingeengt war, wurde ein Schmetterling, dem es freisteht dort hinzufliegen, wo es attraktiv erscheint. Oder anders ausgedrückt: Nintendo hat sich endgültig von Ketten und Marktzwängen der Videospielindustrie befreit und segelt nun frei auf ihrem ganz eigenen Ozean.

Bis zum GameCube folgte Nintendo den Regeln des Marktes

Los ging alles zu GameCube Zeiten. Bis dahin orientierte sich Nintendo stark an der Konkurrenz. Nintendos Strategie sah vor Konsolen auf den Markt zu bringen, die in Sachen Grafik im Vergleich zu anderen Anbietern mindestens ebenbürtig oder gar überlegen waren. Die Rechnung war einfach: Ist die Konsole leistungstechnisch auf Augenhöhe mit der Konkurrenz, entscheiden einzig die Spiele über den Erfolg. Und genau hier lag Nintendos Stärke. Bis zum GameCube ging die Rechnung zumeist auf. Vor allem zu Zeiten als SEGA der größte Konkurrent war, also eine Firma, die wie Nintendo fast ausschließlich mit Videospielen und dazu gehöriger Hardware ihr Geld verdiente und so eine vergleichbare Ausgangslage hatte. Doch die sich rasant entwickelnden Technologien erforderten immer höhere Ausgaben in die Forschung und Entwicklung neuer Konsolen, vor allem, wenn man stets auf die aktuellste Grafik setzen möchte.

Längst war Sony mit der PlayStation auf dem Markt erschienen und hatte schnell Nintendo den Rang abgelaufen. Und Sony, als Entertainment und Technologie Riese mit einer enormen Produktpalette, hatte natürlich ganz andere finanzielle Möglichkeiten, um in die Forschung und Entwicklung kommender Konsolen zu investieren. Auch der neuste Konkurrent Microsoft war dahingehend viel besser aufgestellt. Je höher die Ausgaben für die Forschung und Entwicklung einer Konsole, desto größer die Gefahr, dass ein nachfolgender Flop auf dem Markt das Unternehmen in eine finanzielle Schieflage bringt.  Da Nintendo damals komplett abhängig von ihrem Konsolen-Business war, würde die Auswirkung schnell erheblich sein. Der GameCube war zwar mit gut 22 Millionen verkauften Einheiten kein totaler Flop, blieb aber deutlich hinter den Verkaufszahlen der PlayStation 2 zurück, die bis heute bei zwischen 150 und 165 Millionen Einheiten (je nach Quelle) liegen.

Lifestyle Shots halfen Nintendo eine völlig neue Zielgruppe zu erschließen

Nintendo wusste also, dass sie eine neue Strategie brauchten, dass sie sich von den bisherigen Regeln der Branche, also von den Ketten lösen müssten, um ihren eigenen Weg zu finden. Wahrscheinlich war es vor gut 20 Jahren etwa, als Nintendo endgültig beschloss eine Revolution zu wagen. Sie konzipierten die Wii, eine SD Konsole zu Zeiten als die Konkurrenz längst das HD Zeitalter einläutete und wagten die Bewegungskontrolle für Games, während Sony und Microsoft den klassischen Weg mit einem Standardcontroller verfolgten. Die Welt war verwundert aufgrund des Ansatzes und mit Sicherheit überrascht als die Konsole plötzlich in aller Munde war. Nintendo nannte es „blue ocean“ Strategie. Sie wollten mit ihrem Business-Kahn auf einem freien, unbefahrenen Ozean unterwegs sein, auf dem sie selbst die Richtung bestimmen konnten. Und da sich die Wii tatsächlich zu einer der erfolgreichsten Konsolen aller Zeiten entwickelte, zerschlug Nintendo mit einem Schlag gleich zwei Ketten: Sie hatten bewiesen, dass eine Nintendo Konsole nicht zwangsweise in Sachen Leistungsfähigkeit mit der Konkurrenz ebenbürtig sein muss, um erfolgreich sein. Und dass man die Vorgehensweise, wie man mit Spielen interagiert jederzeit neu denken kann.

 

Nintendo schaffte es einfach nicht zu vermitteln, warum Wii Besitzer auf die Wii U umsteigen sollten

An zwei Ketten hing Nintendo aber noch, die verhinderten, dass sie tatsächlich frei auf dem Ozean schippern konnten. Eine davon wurde dem Konzern mit der Wii U beinahe zum Verhängnis. Denn wie wir alle wissen floppte die Wii U kolossal. Nach über 100 Millionen verkauften Wii landete die Wii U am Ende bei katastrophalen gut 13 Millionen verkauften Einheiten. Die Gründe für den Flop sind mannigfaltig und auch durchaus erklärbar, aber das soll jetzt nicht das Thema sein. Die Konsequenz des Flops der Konsole war eine temporäre finanzielle Schieflage von Nintendo, die nur deshalb nicht katastrophal endete, weil der Konzern gute Rücklagen und starke Marken hatte. Es war aber klar, dass Nintendo einen weiteren Flop dieser Art wahrscheinlich nicht überleben würde, solange keine weiteren Einnahmen generiert werden würden. Nintendo erkannte, dass sie dringend ihr Geschäft auf breitere Schultern stellen müssten. Und sie schritten gleich zur Tat: Sie kooperierten mit DeNA, Niantic und anderen Firmen des boomenden Mobile-Games Marktes und brachten einen Teil ihrer Marken auf Smartphones und Tablets. Das steigerte nicht nur die Reichweite der IPs, sondern sorgte sehr schnell und nachhaltig bis heute für einen weiteren, starken Umsatz-Stream.

Darüber hinaus expandierte Nintendo massiv im Geschäft mit Fanartikeln und Merchandise aller Art. Hierbei sind nicht nur Produkte gemeint, die sie selbst vermarkten. Vor allem ist die Rede von den Unmengen an Lizenzen, die sie heutzutage vergeben, damit andere ihre Produkte mit IPs von Nintendo schmücken dürfen. Mittlerweile findet man in jedem Laden, vor allem im Segment für Kinder, von Klamotten über Spielwaren bis zu Schul-Accessoires Produkte mit Mario, Pokémon oder Animal Crossing Referenz. Auch solche Maßnahmen erhöhen nicht nur das Einkommen, sondern auch die Fanbindung und Reichweite von Nintendos wichtigsten Marken.

Apropos Reichweite: Die Universal-Freizeitparks in den USA und Japan mit dem Mario- und Donkey Kong Land helfen ebenfalls dabei, dass man quasi überall auf Nintendo Charaktere trifft. Und das 2024 eröffnete Nintendo Museum in Kyoto ist ein weiterer Mosaikstein in einer nachhaltigen, Generationen übergreifenden weltweiten Kundenbindung.

Da ballen Mario und Luigi zurecht die Fäuste: Der Super Mario Film haute alles weg

Den wahrscheinlich größten und wichtigsten Umsatzzweig abseits des Konsolen-Business werden zukünftig wohl Filme und Serien mit Nintendo Charakteren sein. Der Super Mario Animationsfilm wurde aus dem Stand zum erfolgreichsten aller Zeiten und generierte ein Gesamteinspielergebnis von etwa 1,4 Milliarden US Dollar. Es gilt als sicher, dass Nintendo nach dem erfolgreichen Pilotprojekt weitere Aktivitäten freigegeben hat. Eine Fortsetzung des Mario Films scheint dabei gesetzt, eine Verfilmung zu The Legend of Zelda ist bereits angekündigt. Sind diese ebenfalls erfolgreich, würde es uns nicht wundern, wenn wir fortan in jedem Jahr mindestens ein neues Film- oder Serienprojekt von Nintendo sehen werden.

Lange Rede, kurzer Sinn: Mit der massiven, aber gezielten Ausweitung des Business auf andere Bereiche, ist Nintendo heute finanziell deutlich weniger abhängig vom kommerziellen Erfolg ihrer Konsolen. Die Gefahr einer katastrophalen finanziellen Schieflage in Folge eines weiteren Wii U Szenarios scheint also gebannt. Da sie durch diese Aktivitäten gleichzeitig auch den Bekanntheitsgrad und die Reichweite ihrer Marken nachhaltig gesteigert haben, haben sie damit auch die Wahrscheinlichkeit deutlich verringert, dass eine Konsole jemals nochmal so arg wie die Wii U floppen könnte.

Somit haben sie die dritte Kette, nämlich die der finanziellen Abhängigkeit von dem reinen Kerngeschäft zerschlagen. Drei der vier Ketten sind also weg, blieb noch eine letzte Kette von der sich Nintendo lösen musste, um endgültig frei auf ihrem eigenen Ozean unterwegs zu sein. Und zwar die Kette des vordefinierten Lebenszyklus einer Konsole. In der Vergangenheit schien es fast Gesetz: nach etwa fünf Jahren kommt eine neue Konsole, die nächste Generation wird eingeläutet. Floppt der Vorgänger, kann der Wechsel auch schon mal nach vier Jahr vollzogen werden, bei einem übermäßigen Erfolg werden es vielleicht auch mal sechs Jahre. Aber dann muss der Nachfolger her. Aber warum eigentlich? Solange sich eine Konsole gut verkauft, die installierte Hardwarebasis ausreichend ist und die Nutzer aktiv sind, besteht doch ein berechenbarer Markt, um mit Softwareverkäufen sehr gutes Geld zu verdienen. Genau das ist die Situation der Switch!

Wird die Nintendo Switch 2 ähnlich erfolgreich wie der Vorgänger?

Wenn also Nintendo in 2025 die Switch 2 veröffentlicht, dann ist die Switch über acht Jahre auf dem Markt, was bei dem technologischen Fortschritt eine Ewigkeit darstellt (auch wenn die Grafiksprünge zwischen den Generationen längst nicht mehr so deutlich sind) und was, wie eben geschildert, die bisherige Marktlogik komplett aushebelt. Nintendo beweist hiermit, dass nicht eine festgefahrene Logik, ein immer so gelebter Rhythmus den Lebenszyklus einer Konsole bestimmt, sondern einfach nur der Erfolg der Konsole, die Idee für ein sinnvolles Folgeprodukt und ein Zeitpunkt, der als richtig für die Markeinführung gesehen wird. Ob der Nachfolger deshalb nach drei oder nach zehn Jahren erscheint, ist letztendlich irrelevant, solange der Zeitpunkt zum Produkt oder generell zu der Gesamtsituation passt.

 

Damit hat Nintendo auch die letzte der vier Ketten zerschlagen: Sie alleine entscheiden nun über die Leistungsfähigkeit ihrer Konsolen, die Art wie wir spielen und wann der richtige Zeitpunkt für einen Nachfolger ist. Dabei agieren sie unabhängig von dem Gehabe der Konkurrenz. Es ist ihnen egal, ob Sony mit der PlayStation 5 Pro ein Leistungsmonster für 800€ auf den Markt bringt oder Microsoft alle technischen Geräte zu einer Xbox machen möchte. Nintendo hat sich aus den Zwängen gelöst, die vier Ketten zerschlagen, den Anker gelichtet und nun nach 20 Jahren Metamorphose fahren sie frei auf ihrem eigenen Ozean. Und falls sie dann doch mal in gefährliche Gewässer geraten, ein Sturm aufzieht, dann werden sie nicht kentern, da aus dem in die Jahre gekommenen Nintendo-Kahn in 2005 in 2025 längst ein hochmoderner, bestens gerüsteter Nintendo-Ozeanriese geworden ist.

 

Quelle: Alle Zahlen in dem Artikel kommen von statista.com

 

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