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Videospiele- Das neue Leitmedium?

03.02.2012

Autor: Melanie Dirmeier

 

Seit wenigen Jahren sind Computer und Videospiele auch in Deutschland als Kulturgüter und deren Entwickler als Künstler anerkannt. Sicherlich wird es noch ein paar Jahre dauern, bis dies auch in den Köpfen der Mehrheit angekommen ist. Auch das Medium Film wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Kunstform oft belächelt oder gar kritisiert, worin man eine deutliche Parallele zum Werdegang des Videospiels sehen kann. In folgendem Artikel möchte ich der Frage nachgehen, wie kulturell bedeutsam das Videospiel bereits ist und ob es gar zum Leitmedium des 21. Jahrhunderts werden kann. Natürlich sind viele der von mir geäußerten Thesen rein subjektiv, und erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

 

Auch wenn die Geschichte des Videospiels, im Vergleich zu der des Films oder gar der Literatur recht kurz ist, sind bereits mehrere Jahrzehnte der Entwicklung vergangen. Die erste Spielekonsole, das Magnavox Odyssey aus dem Jahre 1972, war technisch noch so limitiert, dass sie kaum mehr als Klötze und Linien darstellen konnte. Viele Spiele für das System waren Hybriden aus Video und Brettspielen, was heute kaum noch vorstellbar ist. Das, was ein modernes Videospiel ausmacht, die Symbiose aus Grafik, Sound, Gameplay und Handlung, waren also noch gar nicht vorhanden. Obwohl es in den frühen 70ern sicherlich faszinierend war, mit dem Geschehen auf dem Bildschirm zu interagieren, so sind hier doch zu wenige Eigenschaften vorhanden, um bereits von Kunst zu sprechen.

 

Bereits 1961 entwickelte der junge Steve Russel am MIT ein Computerspiel, das bereits rudimentäre kreative Aspekte aufweisen kann. In Space War bekriegen sich zwei Raumschiffe, soweit so simpel. Allerdings spielt auch die Gravitation der Sonne eine Rolle, da beide Schiffe drohen, von ihr angezogen zu werden, was ebenfalls den Tod des Spielers bedeutete. Da im Jahr 1961 ein Homecomputer noch ferne Zukunft war, lief das Spiel auf dem Großrechner PDP-1 und war somit nur einer kleinen, elitären Spielerschaft zugänglich. Space War passte genau in den geschichtlichen Kontext, in dem es entwickelt wurde. 1961 war der Kalte Krieg im vollen Gange, und die beiden Supermächte USA und Sowjetunion lieferten sich ein erbittertes Wettrennen ins All. Der Russe Juri Gagarin war der erste Mensch im All und versetzte die düpierten Amerikaner in eine Schockstarre. Die Sehnsüchte aber auch die Ängste der Menschen wurden immer mehr ins All verlagert, was sich in unzähligen SciFi-Filmen und -Romanen niederschlug, womit Space War also wunderbar den Nerv der Zeit traf.

 

Doch wollen wir mal einen Blick darauf werfen, was für Kunstaspekte ein Computer oder Videospiel beinhaltet: Da wäre natürlich die grafische Gestaltung des Spiels. Schließlich entsteht die visuelle Darstellung der Spielwelt und der Charaktere aus dem ästhetischen Können der Gamedesigner und Grafiker. Die Spielgrafiker können damit durchaus mit Malern oder Bildhauern verglichen werden. Dies wird besonders bei Spielen deutlich, die nicht um jeden Preis versuchen, die Realität so genau wie möglich wiederzugeben. Ein gutes Beispiel hierfür wäre The Legend of Zelda - The Wind Waker, das mit seinem außergewöhnlichen Cel Shading Grafikstil zu verzaubern weiß.

 

Auch die Musik stellt in Videospielen einen nicht zu unterschätzenden Kunstaspekt dar. Vor dem Siegeszug der CD bestand die größte Leistung für die Spielekomponisten bereits darin, eingängige Musikstücke, trotz der limitierten Soundfähigkeiten der damaligen Systeme zu erschaffen. Ein herrausragendes Beispiel hierfür ist Koji Kondos kultige Super Mario Bros Melodie, die heute noch ein wichtiger Bestandteil der Populärkultur ist. Heute sind die Möglichkeiten der Soundgurus natürlich ganz anders, da die meisten Musikstücke von Orchestern eingespielt werden und selbst Hollywoodgrößen wie Hans Zimmer inzwischen Soundtracks für Videospiele machen.

 

Da Videospiele häufig auch erzählende Medien sind, ist natürlich auch die Story ein wichtiger Kunstaspekt. In einer Zeit, als die grafischen Fähigkeiten der Computer noch sehr begrenzt waren, waren die sogenannten Textadventures sehr populär. Diese kamen mit gar keiner bis wenig Grafik aus, sogen den Spieler aber mit ihren spannenden Geschichten in die Spielwelt hinein. Mit dem Aufkommen von Grafikadventures wie Maniac Mansion verschwanden die Textadventures aber schnell von der Bildfläche.

 

Heute spielt die Story in Spielen eine größere Rolle als je zuvor, da ein großer Teil aller Spieler Erwachsen und dementsprechend anspruchsvoll ist. Spiele wie LA Noire oder Dragon Age Origins leben hauptsächlich von ihrer Handlung, sowie von der glaubwürdigen Darstellung ihrer Charaktere. So ist z.B. Cole Phelbs, der Hauptcharakter von LA Noire kein strahlender Held, sondern ein Mann, der versucht mit seiner Schuld klarzukommen. Je größer die Gemeinde der Videospieler wird, desto mehr Raum wird es auch für komplexe und erwachsene Spielinhalte geben. Die Entwicklung des Videospiels ist hier also noch im vollen Gange.

 

Während die vorher besprochenen Kunstaspekte auch auf den Film anzuwenden sind, so gibt es eine Eigenschaft, die nur das Videospiel besitzt und es somit einzigartig machen: Das Gameplay! Auch Spiele die eine eher rudimentäre Handlung haben, wie Super Mario Bros, werden durch ihre Fülle an Gameplayideen wahrhaft zur Kunst. Da der Konsument eines Videospiels aktiv in das Geschehen auf dem Bildschirm eingebunden wird, benötigt es ein hohes Maß an Kreativität, den Spieler zu unterhalten. Dazu gehören ein abwechslungreiches Leveldesign und interessante Gameplaykomponenten. Nehmen wir als Beispiel hierfür den N64 Klassiker Super Mario 64. Dieses Spiel strotzt nur so vor Ideen. Egal ob man eine Reise auf einen fliegenden Teppich unternimmt oder ein Schlitterrennen gegen einen großmäuligen Pinguin bestreitet, es gibt immer etwas zu tun und zu entdecken. Ein anderes Beispiel wäre das SNES Spiel ActRaiser, das ein Action Jump 'n Run und eine Göttersimulation im Stile von Populus und Rollenspielelemente zu einem einzigartigen Genremix vereint.

 

Das Videospiel ist also zu einer ernst zu nehmenden Kunstform gereift, die Einflüsse aus Literatur, Musik und Film aufnimmt und zu etwas völlig Neuem und Eigenständigem formt. Doch woher kommt es, das Videospiele von vielen Menschen immer noch als Schund betrachtet werden? Nun erstmal muss man hier nochmal betonen, wie jung das Medium Videospiel noch ist und das viele Menschen schlichtweg mit dieser Form der Unterhaltung nicht aufgewachsen sind und ihr "Wissen" über Videospiele nur den von konservativen Medien verbreiteten Halbwahrheiten und Lügen zu verdanken haben. Mit ähnlichen Vorurteilen und Anfeindungen mussten aber schon viele, inzwischen anerkannte Medien zu Beginn ihrer Laufbahn leben.

 

Der Film war Anfang des 20. Jahrhunderts verpönt und wurde nicht ernstgenommen. Auch die Pop- und Rock- Musik wurde in den 50ern und 60ern von den Moralaposteln fanatisch bekriegt. Die Beatles und die Stones waren angeblich daran Schuld, dass die Jugend verkommen würde. In den 80ern waren dafür die Horrorfilme an aller Gewalt in der Gesellschaft schuld und wurden so bekämpft wie die Videospiele heute. Wir haben es hier also mit einem Phänomen zu tun das sich immer wiederholt, wenn Menschen etwas nicht kennen und nicht verstehen.

 

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