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Pokémon - Fiktion und Realität (Kapitel 2)

11.05.2011

Zu Kapitel 1

Autor: Lukas Strübig

 

 

Kapitel 2

 

Die Höhle ist dunkel und kalt. Vor mir befindet sich ein gradliniger Pfad, sonst nur schwärze. Ich taste mich weiter vor und sehe jemanden. Als ich zu ihm hin gehe dreht er sich zu mir um. Er trägt eine kurzärmlige Jacke, einen Rucksack und sieht mich mit einem Auge unter der Kappe, die er sich ins Gesicht gezogen hat, an. Ich sehe ihn zum ersten Mal, doch trotzdem kenne ich ihn sehr gut. Ich kenne jeden Schritt, den er gemacht hat, jede Person mit der er gesprochen hat und jeden Sieg, den er davon getragen hat.

"..."

Und der Kreis schließt sich.

 

 

Der Pokémon Hype hatte gerade erst angefangen und war erst der Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte. Das, was Pokémon fest in unser Hirn zementieren sollte: Das Pokémon Spiel für den Gameboy.

 

Man stelle sich das einmal vor: Eine ganze Generation von Kindern ist heiß auf ein Franchise. Und nicht nur irgendwie ein bisschen heiß, nicht einfach nur ein wenig gehyped, sondern so richtig heiß. Sie sind so begeistert davon, dass sie sich ein Leben ohne dieses Franchise gar nicht vorstellen können. Natürlich werden Eltern da hellhörig. Was ist dieses merkwürdige Pokémon, und warum sind davon fast restlos alle Kinder begeistert?

 

Als Kind bekam ich nicht ganz so viel von der Debatte um dieses Thema mit, und würde ich heute einen Erwachsenen fragen, würde sich der wohl kaum noch mit der Intensität an dieses Thema erinnern, die es damals hatte. Aber es hatte wohl schon ein wenig mit der heutigen Killerspieldebatte gemeinsam, außer dass eine Serie um ein paar japanische Kampfmonster, die die Kinder brauchten wie die Luft zum Atmen, tatsächlich besorgniserregend sein kann.

 

Für die Eltern der damaligen Zeit war aber eines klar: Es wird teuer! Pokémon Karten waren alles andere als billig und es gab ja auch allerhand Plüschfiguren, CDs und sonstigen Kram dazu. Ich kann mich zum Beispiel an Kampfmünzen erinnern. Das waren Münzen, die man aneinander legte und sie dann zum Drehen brachte. Wenn sie zum Stillstand kamen, hatte das Pokemon mit der besseren Attacke gewonnen. Und so einen Mist wollten die Kids damals haben.

 

 

Als sich also herum sprach, dass bald ein Pokémon Spiel für den Gameboy erscheinen sollte, sahen die Mütter und Väter meiner Generation ihre Gehälter schmelzen. Und die Gamer der damaligen Zeit – und ich rede von solchen, die damals in der Rolle waren, die ich heute einnehme – erwarteten wohl einen großen Reinfall.

 

Natürlich gab es Videospiele zur erfolgreichsten Fernsehserie der letzten und der nächsten 2.000 Jahre. Und diese waren meist uninspirierte, schlecht entwickelte und überteuerte Produkte, die niemals die viel zu hohen Erwartungen der jungen Zielgruppe erfüllen konnten. Es war wohl das große Glück des Franchise, dass alles eben auf dem Spiel basierte, und nicht umgekehrt.

 

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir damals die Rote Edition bekommen hatten. Ich kam von der Schule nach Hause und sah durch die Glastür unseres damaligen Wohnzimmers meinen Vater, wie er mit (wohl gemerkt) seinem Gameboy spielte. Und da er das sonst nie tat, da er ihn eigentlich für uns gekauft hatte, konnte das nur eines bedeuten: Er hatte Pokémon gekauft und testete es gerade selbst, um zu sehen, was er uns da in die Hand geben würde.

 

Er war irgendwo in der Gegend vor Alabastia und hatte bereits ein Rattfratz gefangen, in einem Kampf gegen ein Taubsi waren wir aber beide nicht schlau genug, herauszufinden, dass Rutenschlag keinen Schaden macht. Aber lange konnten wir uns damit nicht beschäftigen, denn mein Bruder kam nach Hause, und da das Ganze vor Allem als eine Überraschung für ihn gedacht war, mussten wir schnell in Deckung gehen und das Spiel verstecken.

 

Ich weiß gar nicht mehr, wie lange mein Vater wartete, vielleicht waren es ein paar Stunden oder sogar eine Woche, aber irgendwann stürmte mein Bruder mein Zimmer und rief "Wir haben die Rote..." "Ich weiß."

 

Das neue Abenteuer begannen wir natürlich zusammen. So entstand auch der Name "BaLu", bestehend aus Bastian und Lukas, der oft genug als Name für einen Spielstand herhalten sollte, den wir uns teilten. Unseren Rivalen nannten wir natürlich Gary. Immerhin war er doch Gary, oder?

 

Nerdwissen: Die Videospielcharaktere "Rot" und "Blau", das sind die wirklichen Namen des Protagonisten und seines Rivalen, haben sehr wenig mit den Charakteren von Ash und Gary aus der Serie gemeinsam. Zwar ist es wohl das Wahrscheinlichste, dass Rot seine Reise tatsächlich mit einem Pikachu begann, immerhin hat er in Gold/Silber eine Teamkonstellation, die er alleine nur in der gelben Edition bekommen konnte, und dort muss man mit einem Pikachu anfangen, jedoch ist seine Geschichte eine völlig andere.

 

So bekämpft Rot, im Gegensatz zu Ash, das gesamte Team Rocket und auch seinen Anführer, Giovanni. Dies führt dazu, dass Rot letztendlich das Team Rocket im Alleingang zerschlägt, etwas, was Ash nicht einmal ansatzweise begonnen hat. Auch besiegte Rot die Top 4 und wurde so Champion der Pokémon Liga. Letztendlich zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück und gab seinen Titel als Champ der Liga ab.

 

Blau begann seine Reise, folgerichtig aus der Theorie, dass Rot mit einem Pikachu angefangen hatte, mit einem Evoli. Er fing in der Kanto Region viele Pokémon und gewann alle Orden vor Rot, schaffte es aber nie, seinen Rivalen zu besiegen. Dass er ihm aber einen Schritt voraus war, zeigte sich darin, dass er vor Rot die Indigo Liga erreichte und eine kurze Zeit Champ war, bis Rot ihn vom Thron stieß. Somit war Blau nicht nur selbst ein Champion der Liga, sondern wurde später Arenaleiter in Vertania City, und wusstest du schon, dass Blau der Mensch mit den meisten Sprites in der gesamten Pokémon Spieleserie ist?

 

 

Unser erstes Starter Pokémon war Bisasam. Das war einfach die klügste Entscheidung, immerhin mussten wir zuerst gegen Rocko, dann gegen Misty und als drittes gegen Major Bob kämpfen, so hatten wir es bereits in den ersten Arenakämpfen einfacher.

 

Die Pokémon-Serie hatte es geschafft, die Besonderheiten des Spiels perfekt einzufangen und auf unserer eigenen Reise konnten wir mit dem Streben Ashs, der Beste zu werden, seinen Fehlern und seinen Fehlschlägen aber auch mit seiner Entschlossenheit, nicht aufzugeben, mitfühlen. Das war auch das, was die Serie damals so großartig machte und warum es den jüngeren Staffeln der Pokémon-Fernsehserie an Emotion fehlt: Das Versagen Ashs, die große Herausforderung, der er sich stellt und dass er sich nicht von seinem Weg abbringen lässt, obwohl sich scheinbar alles gegen stellt.

 

Das machte auch das Ende der Kanto Reisen so besonders: Nach all den Anstrengungen und Fährnissen, nachdem er so weit gekommen war, konnte er seine wahren Fähigkeiten unter Beweis stellen. Dass er das Liga Turnier letzten Endes doch nicht gewann, war nur eine konsequente Entscheidung. Ash war noch nicht so gut, er war noch kein Meister, doch er war weiter gekommen, als es ihm jeder zugetraut hätte und er hatte den Mut, weiter zu gehen und sich neuen Herausforderungen zu stellen.

 

 

Auch wir hatten zu kämpfen. Die Arenaleiter waren nie leicht zu besiegen und man musste eine Menge Zeit in das Training seiner Pokémon investieren. Durch dieses Training baute man eine besondere Beziehung zu den kleinen Wesen auf, die bei einem Videospiel nur selten zu erreichen ist. Noch heute habe ich ein komisches Gefühl, wenn ich in der Schwarzen Edition ein Pokémon fange, obwohl ich ganz genau weiß, dass ich es nicht brauche und es niemals das Lagerungssystem verlassen wird. Und auch heute noch bin ich bei der Auswahl meiner Team Pokémon sehr vorsichtig und wähle nur Pokémon aus, die ich in allen Belangen toll finde.

 

Damals war aber alles noch sehr viel stärker, meine Fantasie war auf ihrem Höhepunkt und alles, was ich in der Realität gesehen habe wurde unweigerlich auch einfach auf das Spiel übertragen. Jeder Weg, jeder Baum, jedes Gebäude und jede Person, alle hatten sie ein extra detailliertes Bild in meinem Kopf.

 

Ich wohnte schon damals sehr nahe an der Natur. Wenn ich aus dem Fenster sehe, sehe ich die Felder der Bauern umgeben von vielen kleinen Waldstücken. Damals konnte ich noch direkt aus unserem Garten auf einen breiten Horizont blicken, aber nun steht ein großes Logistikzentrum im Weg und weil das nicht der schönste Anblick ist, haben wir auch unsere Hecke wachsen lassen.

 

Ich erinnere mich, dass Pokémon zumindest in meiner Gegend vorwiegend draußen gespielt wurde. Das lag wohl auch daran, dass der Gameboy damals einfach auf helles Licht von außen angewiesen war, anders als der DS heute, der im Sonnenlicht eher einem Spiegel gleicht. Also saßen wir hinten im Garten oder draußen auf der Straße, zusammen mit all den anderen Kindern. Da unsere Straße nie irgendwo hinführte, war es dort auch nie großartig befahren. Getauscht oder gegen andere gekämpft haben wir aufgrund des fehlenden Linkkabels allerdings leider selten. Zumindest in der Anfangszeit.

 

Der nächste Pflichtkauf war daher ganz klar: Pokémon Stadium für das N64, die perfekte Ergänzung zum Gameboy-Spiel. Und das lag nicht nur daran, dass man dort Pokémon Kämpfe in 3D ausführen konnte. Die wahre Stärke des Spiels war das funktionierende Lagerungssystem. Endlich konnte man alle Pokémon, die man sich so hart erfangen hat, wirklich sichern. So war es möglich, neu anzufangen, ohne seine Schützlinge im Stich zu lassen, außerdem wurde so das Fangen von 150 Pokémon sehr viel einfacher. Und wir hatten es in der roten Edition tatsächlich einmal geschafft!

 

Zu Pokémon könnte ich noch so viel schreiben. Zum Beispiel, dass der Kampf gegen Misty verdammt schwer war oder dass die Silph Co. nur mit einer Komplettlösung zu meistern war. Und genau so eine hatten wir. Irgendwann zu Weihnachten lag sie unterm Tannenbaum und war ein geniales Nachschlagewerk für alles. Es stand nicht nur der exakte Weg durch das Spiel in dem Buch, sondern auch Informationen zu allen Pokémon, den Arenaleitern und den versteckten Geheimnissen Kantos. Auch dieses Buch hat die Zeit nicht überdauert, aber nur deshalb, weil es so oft gebraucht wurde. Meine einzige Erinnerung abseits von Weihnachten daran ist ein warmer Sommertag, an dem ich mit ein paar Nachbarkindern vor der Haustür saß und mit ihnen durch das stark zerfledderte und an einigen Stellen verblichene Heft blätterte.

 

Pokémon Rot war reine Magie für mich, doch die eigentliche Magie erwartete mich noch, und das war eine der besten Fortsetzungen aller Zeiten!

 

Weiter mit Kapitel 3


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