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N-Zyklopädie

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Pokémon - Ein Blick zurück (Kapitel 1)

15.04.2011

Autor: Lukas Strübig

 

 

Kapitel 1

 

Wenn ich mich in meinem Zimmer umsehe, zeugen nur noch wenige Relikte meiner Kindheit von dieser Zeit. Auf meinem Fernseher steht das alte Gameboy Modul meiner Roten Edition, daneben eine Mew Figur. Weiter weg auf meinem Schrank liegt ein Plüsch-Pokéball, der sich in ein Quapuzi wenden lässt, einige Regale weiter unten ein Stapel alter Pokémon Karten.

 

Rückblickend betrachtet bemerke ich erst jetzt, was das für eine kurze Zeit war. Es waren gerade mal drei Jahre, drei Jahre, die mir wie der Großteil meiner Kindheit vorkamen. Ich war damals sogar noch in der Grundschule und als ich auf die Realschule kam, war alles bereits vorbei. Es dauerte seine Zeit, bis ich mich der nächsten großen Franchises hingab und begann, ein gewisses Kartenspiel zu spielen. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Sich an den Punkt zurück zu erinnern, an dem man das erste Mal Kontakt mit dem Thema Pokémon hatte, ist so, als würde man den Moment rekapitulieren, indem man einsehen musste, dass man Mädchen mag. Und bei mir lagen beide Momente wahrscheinlich recht nah beieinander. Während ich letzteres wahrscheinlich schon damals nicht bemerkt hatte, weiß ich selbst heute noch sehr genau, wann mir die Taschenmonster als erstes begegneten. Ich saß damals am Frühstückstisch, es war kurz bevor ich zur Schule gehen musste, und starrte auf die Kellogs Packung, deren Inhalt ich gerade verputzte. Anders als sonst allerdings, gab es dieses Mal tatsächlich etwas, das mein Interesse erweckt hatte. Es war eine Gruppe kleiner Wesen, die dem Konsumenten entgegen blickten. Ich erinnere mich an ein Pikachu (natürlich) und ein Mauzi, wahrscheinlich war noch ein Glumanda dabei. Mein Bruder tippte auf die Schachtel und meinte "Davon habe ich schon mal eine Folge im Fernsehen gesehen." Überrascht sah ich ihn an und er begann eine eher schlechte als rechte Zusammenfassung einer Pokémon Folge. Ich war damals irgendwie acht Jahre alt und hatte verständlicherweise nicht den leisesten Schimmer von dem, was er mir da erzählte. Aber es erweckte mein Interesse und ich entschloss, mir einmal eine dieser Folgen anzusehen.

 

Es war im Sommer und ich war zusammen mit meinem Bruder bei meiner Oma, sie machte damals oft Spaziergänge mit uns und brachte uns der Natur näher, was einen großen Einfluss auf meine spätere Beziehung mit dem Japanischen Kampfgetier haben sollte.

 

 

Ich war sehr aufgeregt und konnte es kaum erwarten, endlich den Fernseher einzuschalten. Die erste Pokémon Folge, die ich jemals gesehen habe, war die, in der Ash den Arenaleiter Koga heraus forderte. Ich hatte sie nachher nie wieder gesehen und das, obwohl ich eine Zeit lang sehr stark darauf bedacht war, keine Episode zu verpassen. Wir nahmen sogar jede Folge auf Video auf, damit sie mein Bruder sehen konnte, wenn er mal länger Schule hatte.

 

Nachdem also die Folge abgelaufen war, war ich verwirrt, orientierungslos und begeistert. Der japanische Zeichenstil traf bei mir genau ins Schwarze, auch wenn ich damals noch annahm, die Serie käme aus Amerika. Erst später, mit immer mehr Animes, die in Japan spielten und der offensichtlichen Verwandheit der Serie mit Nintendo erschloss ich, dass Pokémon tatsächlich eine japanische Serie war.

 

Obwohl ich begeistert war, sah ich Pokémon eine ganze Zeit lang (zumindest kam es mir als acht jähriges Kind so vor) nicht. Der öffentliche Erfolg war aber ganz klar sichtbar. "Kennst du schon Pokémon?", "Hast du diese neue Serie schon gesehen?", "Ich habe gehört, es gibt 150 von denen!", "Ich glaube das kommt von 'Pocket Monsters', das meinte zumindest mein großer Bruder!" "Nein, es gibt 151!", "Also ich finde Enton am besten!" Pokémon warf seine Netze aus, und wir waren die kleinen Fische, die sich in der riesigen Marketingmaschine verfangen sollten, willentlich und glücklich.

 

Der Pokémon Hype begann im Jahr 1999. Eine rückblickend befremdliche Zeit, denn das Internet begann erst sich zu verbreiten und fand im öffentlichen Leben noch keinen alltäglichen Platz. Wir gehörten damals zu den ersten mit einem Internetanschluss über ein kleines Modem und kamen daher nur sehr selten dazu, durch das Internet zu surfen.

 

Die erste Seite, die mein Bruder und ich damals ansteuerten war ganz klar: http://www.pokemon.de. Heute sieht die Seite ein wenig anders aus. Früher sah man darauf Ash vor einer handvoll Pokémon, wie er einen Pokéball wirft, der dann in einer Animation zu den Links und zurück zu ihm rollt. Einen Pokédex gab es dort natürlich auch, dieser gab alle möglichen Informationen zu jedem Pokémon, das es gab. Und das waren immerhin 150! Oder 151? Dies war in den ersten Wochen ein großer Streitpunkt. Gab es dieses "Mew" wirklich? Und wenn ja, zählte es überhaupt? Und was hatte Mew mit Mewtu gemeinsam? War Mewtu die Entwicklung von Mew? Oder umgekehrt? Ich hatte damals eine hitzige Diskussion mit einem anderen Kind, das nicht nur nicht einsehen wollte, dass Mew keine Entwicklung aus Mewtu war, (ich wusste es damals schon besser – Mewtu war der Klon vom Mew), sondern sich auch noch weigerte, beide Namen richtig auszusprechen. So hieß Mew bei ihm "Mef" und Mewtu, aufgrund der Tatsache, dass man sich damals über die Schreibweise dieses Namens noch nicht einig war, "Meftwo". Das hat mich wahnsinnig gemacht.

 

Generell war das Thema der Entwicklungen eine große Sache. Wie gesagt, mal eben bei Google nachschlagen, ging damals noch nicht. Also machten sich allerhand Gerüchte breit. So hätte Onix eine Weiter-Entwicklung namens "Onixo" (später sollte es tatsächlich eine Weiter-Entwicklung names "Stahlos" bekommen) und Digdri konnte selbst verständlich nicht als Entwicklug gelten, denn das waren ja eigentlich nur drei Digdas.

 

Die Serie war die Bibel für uns Kinder. Niemand verpasste eine Folge, und wenn er eine verpasste, konnte er einer Zusammenfassung nicht entkommen. Ich konnte es damals zum Beispiel kaum glauben, als ein Freund von mir genau die Pokémon Folge verpasst hatte, in der Giovanni sein Gesicht zeigte, und dann auch noch, nachdem er dies von mir gehört hatte, kaum Bedauern zeigte.

 

Die Reise von Ash durch die Welt der Pokémon war 100%ig das, was uns gefiel. Es hatte Abenteuer, Freundschaft und Wettbewerb. Dazu fesselte natürlich alles, zu dem man Wissen anhäufen konnte. Stundenlang wurde auf den Schulhöfen darüber diskutiert, ob Ash denn nun dieses Mal alles richtig gemacht, oder durch seine Inkompetenz wieder alles verkompliziert hatte. Und da es damals keinen Ort gab, an dem man sich irgendwelche Staffeln illegal herunter laden konnte, hatte die Serie noch das Mysterium des Unbekannten: Was würde das nächste Mal geschehen?

 

 

Gesammelt wurde natürlich auch von uns Kindern. Und zwar ordentlich. Ich besaß damals eine Pikachu Plüsch Figur und auch einen Plüsch Glurak. Aber ich fürchte, die beiden haben die Jahre nicht gut überstanden. Ich gehörte zu den Kindern, die anfingen ihre Spielzeuge zu verkrüppeln, sobald sie eine Schere in die Finger bekamen. Und das nur, um später festzustellen, dass das doch keine so gute Idee war. Meine oben genannte Mew Figur hat immer noch schwarze Ränder um die Augen, und das, obwohl ich die aggressivsten Entfärber benutzte, um sie zu säubern.

 

Die Pokémon Karten waren der nächste Schritt, es war etwas, worauf man sich fokussieren konnte. Nun ging es nicht mehr darum, Figuren zu sammeln, man sammelte Karten. Kaum einer wusste, wie man das Pokémon Trading Card Game denn nun spielte, aber das war ja auch egal, denn es ging nur ums Sammeln und Tauschen.

 

Ich erinnere mich daran, wie ich einmal mit einem Nachbar los zog, um mir ein Paket Karten zu kaufen. "Du musst immer die Päckchen nehmen, mit dem Bisaflor drauf." sagte er zu mir. "Da sind die besten Karten drin." Ich glaubte ihm nicht und um ihm das zu beweisen, überließ ich ihm den einzigen Bisaflor- Booster. Ich hatte nur Schrott in meinem Päckchen, er hatte ein extrem seltenes Glurak. Aber generell kaufte ich Karten recht selten. Es war eher der Übereifer meiner Schulkollegen, der mir so viel Papier einbrachte. "Was? Du hast ein Vulpix? Ich gebe dir ein Schiggy und ein Rattfratz dafür!" Wer würde da Nein sagen?

 

 

Durch unsere Sammelleidenschaft brach aber unter den Eltern eine große Kontroverse aus. Pokémon würde süchtig machen, wäre gewaltverherrlichend und brächte unsere Kinder dazu, sich gegenseitig zu verprügeln, um Karten zu erpressen. Ich habe hier noch einen alten Artikel einer hysterischen Mutter aus dem Jahre 2000 gefunden.

 

Selbst South Park schwamm auf dieser Hysterie-Welle mit und persiflierte Pokémon als ein Instrument der japanischen Spielzeug-Industrie, das dazu diente, Kindern japanische Werte aufzudrücken. Zum Glück hatte ich keine Probleme damit, weder meine Eltern, noch die Eltern meiner Freunde ließen sich davon beeindrucken, sondern sprachen mit uns über das Thema, behielten bestimmt ihr Auge darauf, aber befanden es sehr bald für harmlos. Was mich betrifft, so würde ich heute behaupten, dass Pokémon auf mich einen sehr positiven Einfluss hatte: Ash und seine Freunde zogen durchs Land, trafen völlig fremde Personen und halfen ihnen aus den schwersten Situationen heraus. Sind das etwa Werte, die den unseren widersprechen?

 

Doch der Pokémon-Hype hatte gerade erst angefangen und war erst der Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte. Das, was Pokémon fest in unser Hirn zementieren sollte: Das Pokémon Gameboy Spiel.

 

Weiter mit Kapitel 2


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