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N-Zyklopädie

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Nintendo und die Zensur

09.03.2010

Autor: Melanie Dirmeier

 

Nicht erst mit der zunehmenden Fokussierung auf den Casualmarkt auf Wii und DS, strebt Nintendo ein familienfreundliches Image an. Schon zu seligen 2D-Zeiten versuchte der Konzern aus Kyoto seine jugendliche Kundschaft nicht durch Gewalt, Erotik und andere Unanständigkeiten zu verderben. Die mitunter kuriosen Folgen dieser Firmenpolitik, möchte ich in diesem Artikel aufzeigen.

 

 

Blut und Gedärme? Nicht mit uns!

 

Gewalt ist bereits seit dem 1961 auf einem Universitätsrechner des MIT entwickelten Spieles Space War ein fester Bestandteil von Computer- und Videospielen. Natürlich trifft das seit jeher auch auf Nintendospiele zu! Egal, ob Vorzeigeheld Super Mario auf Gumbas hüpft, oder sich Zipfelmützenträger Link mit seinem Schwert durch finstere Dungeons kämpft. Doch beim stilistischen Einsatz von Blut in Spielen, sah Nintendo lange Zeit im wahrsten Sinne des Wortes Rot! Ein besonders prominentes Opfer von Nintendos Zensurbestimmungen war das von Midway Games entwickelte Beat ’em Up Mortal Kombat. Neben seiner aufwändigen Grafik mit digitalisierten Kämpfern, wurde das Spiel vor allem durch seine hemmungslose Brutalität berühmt und berüchtigt. So floss im Automatenoriginal nicht nur literweise Blut, sondern es gab auch mehr als saftige Fatality Moves, mit denen man seinen Gegner auf besonders brutale Art und Weise, wie z.B. durch enthaupten oder aufspießen ins Jenseits befördern konnte. Die beiden Heimversionen für SNES und Mega Drive, die 1993 erschienen, wurden drastisch entschärft. So wurden die Bluteffekte entfernt und die Fatality Moves weit weniger explizit dargestellt. Doch es gibt einen großen Unterschied zwischen der SNES- und der Mega Drive-Version! Bei der Sega-Fassung kann man dank eines Codes die meisten Zensierungen deaktivieren, weshalb sie nicht nur wesentlich authentischer, sondern auch kommerziell erfolgreicher wurde als die auf dem SNES. Seltsamerweise hatte Nintendo aufgrund dessen keinerlei moralische Bedenken, den Nachfolger Mortal Kombat II ungeschnitten aufs SNES portieren zu lassen!

 

 

Dass die Profitgier manchmal dann doch über die moralischen Bedenken siegen, werden wir noch öfters im Laufe des Artikels sehen. Ziemlich blutleer wurde übrigens auch die SNES-Portierung der Mutter aller Ego Shooter. Die Rede ist natürlich von Wolfenstein 3D, in dem nicht nur die Bluteffekte entfernt wurden, sondern auch die in den Verliesen herum liegenden Gerippe auf wundersame Weise verschwanden. Doch zu diesem Spiel später mehr!

 

 

Ein anderer bekannter ID Shooter durfte nur mit grünem Blut Jahre später sein Revival auf dem Gameboy Advance feiern. Gemeint ist natürlich Doom, das so natürlich reichlich albern wirkt. Kennt noch jemand den Konami Lightgun Shooter Lethal Enforcers? In dieser ursprünglich in den Arcades erschienenen Ballerei, musste der Spieler zahlreiche Kriminelle mit Blei vollpumpen. Auch hier zeigt sich, dass Sega seit jeher seinen Kunden mehr Medienkompetenz zutraute, als Konkurrent Nintendo. Während die Mega Drive-Version nämlich ungeschnitten erschien, wurde die SNES-Variante um zahlreiche Details erleichtert. Darunter natürlich auch, wie unschwer zu erraten ist, der rote Lebenssaft.

 

 

 

Bei Nintendo gibt’s koa Sünd

 

Auch in Punkto Erotik gab sich Nintendo schon immer mal ein bisschen prüde. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt das die gleiche Firma früher in Japan Liebeshotels betrieben hat! Doch Anfang der Neunziger schien man das zumindest bei Nintendo Deutschland nicht so eng zu sehen. So kam es das in Zelda: Link’s Awakening ein bestimmter Gegnertyp, der mit dem Zauberstaub verzaubert wurde, dem guten Link doch tatsächlich riet, es nie ohne Kondom zu machen! Und in einem Quest musste unser Held einer barbusigen Nixe ihr Bikinioberteil wieder besorgen, was ihn offensichtlich ziemlich in Wallung brachte. Doch für das 1998 erschienene Remake für den Gameboy Color wurden diese schlüpfrigen Passagen komplett gestrichen.

 

 

Vertragen eigentlich NES-Besitzer weniger Erotik als SNES-Spieler? Diese Frage könnte man sich tatsächlich stellen, wenn man die beiden Versionen von Parodius miteinander vergleicht! Während die 16Bit-Variante nämlich mit zahlreichen erotischen Gags aufwarten kann, geht es in der NES-Version ziemlich bieder zu! Besonders deutlich wird das bei der Tänzerin, die als Zwischenboss auftritt und irgendwie auf dem guten alten NES wesentlich zugeknöpfter ist als auf dem SNES.

 

 

Duke Nukem 64, das ja auf dem PC-Klassiker Duke Nukem 3D basiert, ist ein besonders bemerkenswerter Fall! Was die Brutalität angeht, gibt es kaum Unterschiede zwischen der N64- und der PC-Version festzustellen. Im Gegensatz zum Original kann man auf der Nintendokonsole sogar die herumliegenden Leichen zerschießen. Doch anders als z.B. Doom lebt Duke Nukem nicht nur von seiner grafischen Gewalt, sondern auch von freizügigen Damen und erotischen Darstellungen. Diese wurden auf dem N64 nahezu komplett entfernt. Nicht nur, dass die Babes hier züchtiger gekleidet sind, nein, auch die zahlreichen Poster mit Pin Up Girls wurden entfernt und durch andere Darstellungen ersetzt. Offensichtlich störte man sich bei Nintendo an der Gewalt weit weniger, als an den sexuellen Inhalten des Spiels.

 

 

 

Political Correctness über alles

 

Wie wir schon in den vorherigen Kapiteln gesehen haben, tat Nintendo in der Vergangenheit wirklich viel dafür, um das Seelenheil seiner Kundschaft zu bewahren. So wurde auch das allseits beliebte Super Mario Kart (1992) in den westlichen Versionen zensiert. Ja ihr habt recht gelesen! Genauer gesagt ist es die Siegerehrung, die man uns nicht zumuten wollte. Die Charaktere Bowser und Peach haben nämlich in der japanischen Version mit der Schampusflasche nicht nur rumgealbert, sondern auch einen ordentlichen Schluck daraus getrunken. Und Alkohol trinkende Nintendocharaktere gehen nun mal gar nicht!

 

 

Im Jahr 1991 veröffentlichte Konami mit dem Spieleautomaten Sunset Riders, eine humorvoll inszenierte Western-Ballerei, die vor allem im kooperativen Spiel sehr unterhaltsam war. Zwei Jahre später wurden die beiden Heimversionen für Mega Drive und SNES veröffentlicht. Während die Mega Drive-Version inhaltlich unzensiert ist, wurden in der Nintendo-Umsetzung einige Änderungen vorgenommen. So kommen im Original und der Sega Fassung nicht nur schießwütige Cowboys sondern auch Indianer vor. Nintendo verweigerte dies aber, da man keine ethnischen Minderheiten diskriminieren wollte. Dazu mussten sich die Saloontänzerinnen auf dem SNES züchtiger anziehen als in den anderen Versionen. So gesehen hätte Sunset Riders auch gut ins vorherige Kapitel gepasst.

 

 

Und da kommen wir auch schon wieder auf die SNES-Umsetzung von Wolfenstein 3D zu sprechen. Während in der PC-Version quasi an jeder Ecke verfassungsfeindliche Symbole wie Hakenkreuze zu finden sind, wurden für die zartbesaiteten Nintendofans nahezu alle Bezüge zu Nazideutschland gelöscht. Betroffen ist davon sogar Hitler, dem man sowohl auf allen Portraits wie auch als Gegnersprite sein markantes Bärtchen entfernt hat. Außerdem wird er im gesamtem Spiel nur als Staatsmeister bezeichnet.

 

Zum Abschluss gibt es noch ein besonderes Schmankerl! 1994 veröffentlichte Interplay mit Boogerman für das Mega Drive ein Jump ’n Run, gegen das Conkers Bad Fur Day geradezu manierlich wirkt. Der Held des Spiels popelt nicht nur für sein Leben gern in der Nase, sondern er besiegt seine Feinde, indem er sie anfurzt oder ihnen ordentlich ins Gesicht rülpst. Dabei kämpft er sich durch Welten voller Rotz und Ohrschmalz. Nintendo war dieses Spiel eindeutig zu eklig, weshalb man Boogerman die Lizenz verweigerte. Doch siehe da: Als sich das Spiel auf dem Mega Drive halbwegs gut verkaufte, sah man es plötzlich auch bei Nintendo nicht mehr so eng, weshalb Boogerman mit einem Jahr Verspätung, auch auf dem SNES loslegen durfte...

 

 

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