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Europäer und Konsolen-RPGs - Eine lange unerwiderte Liebe

17.02.2010

Autor: Melanie Dirmeier

 

 

In der heutigen Zeit erscheinen fast alle populären japanischen Rollenspiele auch auf dem europäischen Markt. Während die beiden japanischen Konzerne Squaresoft und Enix (inzwischen fusioniert), in der Heimat mit ihren Rollenspielserien Final Fantasy und Dragon Quest bereits früh riesige Erfolge feierten, bekamen die europäischen Spieler davon herzlich wenig mit. Selbst der nordamerikanische Markt wurde bis Mitte der Neunziger Jahre von den japanischen Rollenspielschmieden ziemlich stiefmütterlich behandelt. So wurde Final Fantasy VI in den USA 1994 als Final Fantasy III veröffentlicht, was deutlich zeigt, wie viele Teile für den dort ausgelassen wurden. Doch in Europa sah es noch wesentlich trister aus! Offensichtlich war man im fernen Osten der Meinung, dass in Europa kein Bedarf nach epischen Rollenspielen bestünde. Eine Annahme, die aber angesichts des großen Erfolges westlicher Rollenspielserien wie z.B. Ultima (1980) oder Dungeon Master (1987), auf den etablierten Homecomputern mehr als zweifelhaft war. Trotzdem verirrte sich kein Square- oder Enix-Rollenspiel bis 1993 nach Europa.

 

Obwohl Sega eher als Lieferant actionhaltiger Kost wie Streets of Rage oder Shinobi bekannt war, war es doch der blaue Riese, der mit Phantasy Star (Master System) 1987 eines der ersten japano RPGs nach Europa brachte. Trotzdem sollten sich Master System und Mega Drive nie wirklich als Rollenspiel-Plattformen behaupten. Die Vormacht auf diesem Gebiet hatte stets das NES bzw. SNES inne. 1993 veröffentlichte Square endlich sein erstes SNES-RPG in Europa. Der Titel des in Zusammenarbeit mit Nintendo entstandenen Spiels war Mystic Quest Legend. Doch anstatt Euphorie auszulösen, sorgte der Schnellschuss für ziemliche Ernüchterung unter den Spielern. Story, Komplexität und Gameplay ließen arg zu wünschen übrig und konnten kaum mit damals aktuellen Rollenspielknallern wie Final Fantasy IV (1991) mithalten. Offensichtlich wollte Squaresoft mit diesem Simpel-RPG erstmal austesten, ob denn überhaupt Bedarf in Europa vorhanden ist. Aufgrund der bescheidenen Qualität des Spiels waren aber auch die Verkaufszahlen von Mystic Quest Legend dementsprechend lau. Dies wiederum führte zur fatalen Annahme, dass die Europäer einfach nicht bereit für diese Art Spiel seien.

 

Doch immerhin entschloss sich Squaresoft im Jahr 1994 dazu, über Nintendo das Action-RPG Secret of Mana auch in Europa zu vertreiben. Dank der wunderbaren Atmosphäre und der packenden Geschichte rund um den Mana Baum, wurde der Action Adventure- Rollenspiel Mix auch bei uns zu einem großen Erfolg! Auch wenn folgende RPG-Highlights wie Final Fantasy VI oder Chrono Trigger (1995) den Europäern vorenthalten blieben, so wurden von nun an doch einige Rollenspiele und Action-Adventures auch hierzulande herausgebracht, die sonst wohl nur fleißige Importgamer zu Gesicht bekommen hätten.

 

Das wunderbar erzählte Illusion of Time (1994), das den Spieler an verschiedene mystische Orte wie Nazca oder Angkor Wat führt, wurde ebenso zum Erfolg wie das westlich angehauchte Secret of Evermore (1995), in dem der Spieler verschiedene Zeitepochen mit seinem treuen Hund aufsucht. Doch besonders das Enix-Spiel Terranigma (das übrigens wegen der religiösen Aspekte nie in den USA erschien), das bei uns im Spätherbst 1996 erschien, wird bis heute von Fans als absolutes Highlight verehrt. In diesem Spiel muss der Held, die durch ihn versehentlich zerstörte Welt wieder zum Leben erwecken. Ein wirklich zeitloses Meisterwerk, das mit seiner tollen Geschichte und der wunderbaren Musik verzaubert!

 

Der Erfolg dieser Action-Adventures sorgte dann wohl auch dafür, dass das SNES gegen Ende seiner Lebenszeit in Europa noch mit einigen RPG-Highlights aufwarten konnte. So brachte Capcom über Laguna 1996 das RPG Breath of Fire 2 auch nach Deutschland. Leider aber nur mit englischen Texten, was speziell viele jüngere Semester bestimmt abgeschreckt hat. Hier haben wir auch eines der größten Probleme, mit denen aufwändige Rollenspiele zu 16-Bit-Zeiten zu kämpfen hatten. Die schiere Masse an Texten machte es bei dem begrenzten Modulspeicher oft schwer, die Spiele vom japanischen ins englische oder gar ins deutsche zu übersetzen. Schließlich benötigt ein deutsches Wort weit mehr Textzeichen als ein japanisches! Dieses Problem wurde erst durch den Siegeszug der CD behoben, als Speicherplatz kaum mehr eine Rolle spielte.

 

Als das SNES in den letzten Atemzügen lag und die Welt sich an den Fähigkeiten des N64 erfreute, erschienen trotzdem noch ein paar Hochkaräter für das SNES. Space Invaders Erfinder Taito brachte über Nintendo das Rollenspiel Lufia 2 im Jahre 1997 auf den deutschen Markt. Natürlich, wie es seit Mystic Quest Legend üblich war, in der Big Box zusammen mit dem offiziellen Spieleberater. Da der erste Teil nie deutschen Boden betreten hat, wurde aus Lufia 2 letztlich bei uns einfach Lufia. Auch der erste Teil der Harvest Moon Reihe erschien Anfang 1998 noch in Deutschland. Sowohl Lufia wie auch Harvest Moon wurden aber von der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen, da sich das N64 und vor allem jedoch die Playstation inzwischen voll etabliert haben.

 

Mit dem Generationenwechsel hat Nintendo letztlich seine jahrelange Vorherrschaft auf dem Rollenspielmarkt verloren. Rollenspielgigant Squaresoft hat sich über die folgenden Jahre hinweg, bis zum Release von Final Fantasy Crystal Chronicles im Jahr 2004, mit Nintendo zerworfen. Dank dieses Umstands ist auch Super Mario RPG (1996) nicht mehr bei uns erschienen, obwohl es auch in Europa wohl ein großer Erfolg geworden wäre. Eine frühe Version von Final Fantasy VII fürs N64 wurde wieder eingestampft, woraufhin der spätere RPG-Meilenstein im Frühjahr 1996 exklusiv für die Playstation angekündigt wurde. Das lag wohl zum einen an dem sehr teuren und begrenzten Modulspeicher des N64 wie auch an der restriktiven Firmenpolitik Nintendos, die Squaresoft exklusiv an sich binden wollten.

 

Auch der andere Rollenspielriese Enix, reduzierte sein Engament für Nintendo auf ein Minimum, was zur Folge hatte, dass die in Japan so populäre Dragon Quest Serie auf der Playstation fortgeführt wurde. Für Nintendo hatte das gerade in Japan fatale Folgen, da Rollenspiele dort das mit Abstand beliebteste Genre darstellen. Für uns Europäer begann dafür mit dem Siegeszug der Playstation auch das Rollenspiel-Zeitalter. Final Fantasy VII wurde im Herbst 1997 als erster Teil der Reihe auch bei uns veröffentlicht. Zwar war die Übersetzung ins Deutsche eine wahre Katastrophe, aber das hat wohl damals die wenigsten Spieler geschert. Von nun an erschienen auch andere RPG-Perlen wie Grandia (1997) oder Suikoden (1996) in PAL-Gefilden. Das dunkle Zeitalter, während dem man als deutscher Spieler auf fast alle Rollenspielperlen verzichten musste, das immerhin bis Ende der Neunziger anhielt, war nun endlich überwunden.


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